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Über die Herausforderungen des Filmemachens – Ulrich Seidel im Interview

Aktuell kommt Ihre Paradies-Trilogie in die Kinos, wie ist es dazu gekommen?

Ursprünglich war das ein Film mit dem Titel “Paradies”, der drei Geschichten beinhalten sollte. Jede Geschichte über eine Frau, die auf der Suche nach Erfüllung ihre unerfüllten Sehnsüchte ist. Und im Zuge der Produktion des Films habe ich sehr viel Material gedreht. Letztendlich waren es 90 Stunden. Und am Schneidetisch habe ich zunächst einen sechs Stunden Film aus dem Material geschnitten, habe dann aber gesehen, dass das beste Ergebnis doch drei Filme sein würden und nicht einer. 

Ihre Filme vereinen diese bedrückenden Längen, in denen wir als Zuschauer teilweise weggucken wollen, aber doch trotzdem länger hinschauen müssen. Was ist das für ein Regiestreich, den Sie da als ihre künstlerische Handschrift entwickelt haben?

Mir geht es ja darum, das Publikum und die Zuschauer mit einzubeziehen. Das was hier gezeigt wird und erzählt wird, ist ja unsere Welt. Es spiegelt ja unsere Gesellschaften und unsere Welt wieder und jeder Einzelne, der hier im Kino sitzt hat damit auch zu tun, wenn er es zulässt. Das Mittel ist auch sozusagen dass man mitunter auch sehr quälende Szenen macht, um hinter diese geschönte Wirklichkeit zu schauen, in der wir ja leben. Und wenn man sich darauf einlässt dann ist es zunächst einmal vielleicht quälend, auch irritierend, ist aber nachhaltig positiv zu sehen. Weil man sich damit beschäftigen wird. Man wird selber Stellung dazu nehmen müssen als Zuschauer und wird sich z.B. fragen müssen: Und wo stehe ich? Und diese Aufforderung ist gewollt.

Sie kommen ursprünglich vom Dokumentarfilm. In einem Statement sagen Sie jedoch, man könne gar nicht so tief in das Abgründige des Menschen schauen und dieses dokumentarisch einfangen. Und doch ist es nach “Hundstage” und “Import Export” wieder ein Mix aus dokumentarischen Elementen und einer starken Regiehaltung. Vielleicht können Sie mir dieses “Dazwischen” erklären.

Ja, wie sie schon gesagt haben, habe ich mit Dokumentarfilmen angefangen. Aber auch diese Dokumentarfilme waren ja auch in dem Sinne keine reinen Dokumentarfilme, sondern immer schon eine Mischung mit fiktionalen Elementen. Und dann habe ich mich nach und nach mehr und mehr zum Spielfilm hin entwickeln. Denn das, was ich früher als besondere Freiheit gefunden habe im Dokumentarfilm, nämlich mit einem sehr kleinen Budget zu drehen und Dinge zu entdecken und dann einen Prozess durchmachen und einen Film herauszubringen, ohne ihn sozusagen exekutiert zu haben, ist beim Spielfilm inzwischen für mich die größere Freiheit weil man wirklich das so umsetzen kann, was man sich denkt und das geht beim Dokumentarfilm so ja nicht.

Denken Sie, dass Sie zum Dokumentarfilm zurückkehren werden? Dass es von Ihnen Regiearbeiten geben wird, die wieder mehr zum Dokumentarischen gehen?

Das ist ja schon passiert. Ich mache ja auch immer wieder zwischen den Spielfilmen Dokumentarfilme, siehe “Jesus, du weißt”. Mein nächstes Projekt ist ein kleiner Dokumentarfilm da ist im Keller nichts rauskommt. Ich habe mich dem Dokumentarfilm nicht abgewandt. Aber ich mache beides große Spielfilme und Dokumentarfilme.

Lassen Sie uns kurz über Ihren Werdegang sprechen. Ihr Film “Der Ball” sorgte in Österreich für einen so großen Skandal, dass Ihnen Ihr Filmstudium anschließend sehr schwer gemacht wurde. Und sie am Ende die Filmakademie verließen. Jetzt sind Sie mit Ihren Filmen sehr erfolgreich und feiern Premieren weltweit auf den größten Festivals. Wie fühlt sich das an oder bedingt das eine vielleicht sogar das andere?

Das weiß ich nicht. In jedem Fall ist es so: Ich hatte einen sehr langen und auch sehr schwierigen Weg hinter mir, der letztendlich zum Erfolg geführt hat. Meine Filme wurden immer, besonders auch in Österreich sehr angefeindet. Und es war nicht leicht, einen nächsten Film zu machen. Es hat immer Leute gegeben, die hätten mir am liebsten das Handwerk gelegt. Und ich habe konsequent gearbeitet und hab immer das gemacht, an was ich geglaubt habe. Und letztendlich hat es zum Erfolg geführt und insofern bin ich doch recht glücklich. Besonders weil ich immer mehr Menschen damit beglückte, und ihnen etwas gebe. Und das, finde ich, ist doch der Sinn des Filmemachens oder überhaupt der Kunst, Dass man nicht etwas bestätigt für das Publikum, sondern dass man Dinge infrage stellt und dem Publikum einen anderen Blick auf die Welt gibt.

“Meine Filme wurden immer, besonders auch in Österreich sehr angefeindet. Und es war nicht leicht, einen nächsten Film zu machen. Es hat immer Leute gegeben, die hätten mir am liebsten das Handwerk gelegt.”

Ulrich Seidl

Ihr gestalterisches Stilmittel ist die sehr klare Kadrage. Und nicht ohne Grund wurden Stills ihrer Filme quasi als Gemälde in einer eigenen Ausstellung präsentiert. Was hat diese Gestaltung für einen Einfluss, auf die Geschichten die sie erzählen?

Ich glaube es geht immer darum, dass man mit Inhalt und Form eine Einheit findet. Also es steht ja nicht die Form in die ich versuche, einen Inhalt hinein zu pressen, sondern es muss eine Einheit sein. Und ich bin von verschiedensten formalen Mitteln ausgegangen, seit ich Filme mache: Das war ist immer die dokumentarische Kamera, die Handkamera, das Arbeiten mit dem Zufall. Und das andere war immer mein Wille, sehr genau zu gestalten. Also Bilder zu machen, die meinen Blick repräsentieren und in ihrer Gestaltung oft sehr zentral sind. Und ich habe einen Weg gefunden, diese beiden Elemente zu vereinen. Und erstaunlicherweise funktioniert das auch ganz gut.

Welchen Tipp würden Sie jungen Filmemacher mit auf den Weg geben?

Zunächst muss man mal beobachten können und man muss auch sensibel sein, man muss zuschauen und hören und man muss auch ein Gefühl entwickeln, was wichtig ist, was will ich sagen, was will ich erzählen, was will ich zeigen… und die Form wird sich dann schon finden. Und man darf sich auf sich selbst verlassen. Man darf nicht an den Zuschauer denken. Man darf nicht dran denken: Wenn ich das so oder so mache, dann habe ich möglicherweise mehr Zuschauer. Das ist alles falsch. Nur das eigene Empfinden zählt und an das muss man glauben. 

Ulrich Seidl Interview Paul Rieth

Ulrich Seidl ist ein österreichischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent. Er wuchs im niederösterreichischen Horn auf. Im Anschluss and sein Studium der Publizistik und Theaterwissenschaften, studierte er an der Filmakademie Wien. Für Dokumentarfilme wie Good News, Tierische Liebe, Models oder Jesus, du weißt erhielt er zahlreiche internationale Auszeichnungen. Im Frühjahr 2012 feierte sein Film “PARADIES: Liebe” bei den internationalen Filmfestspielen in Cannes Premiere. “PARADIES: Glaube”, der zweite Teil der Trilogie, wurde im Wettbewerb des 69. Film Festivals von Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Der dritte Film der Reihe “PARADIES: Glaube” prämierte auf der Berlinale 2013.

Website: www.ulrichseidl.com

Bildquelle: Ulrich Seidl – Urheber: Manfred Werner – Tsui

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